Blog: Das Ende des Einsiedlers / Death of the hermit (Jens)

21.Mär.2020

Stand der Dinge:

Ab nächster Woche bin ich zuhause. Kurzarbeit. Für mich völlig ok, habe genug zu tun. Finanziell wird es eng in der nächsten Zeit, aber ich habe schon schlimmere Zeiten erlebt. Es schreckt mich nicht.

Ich saß heute zum letzten mal für längere Zeit mit meinen Kollegen zusammen. Hauptthemen: Corona und die Angst wie es weitergeht.

Ehrlich gesagt, ich kann diese Angst verstehen, akzeptieren, aber nicht nachempfinden. Ängste sind Gespenster, nicht wirklich, nicht wahr. Wir konstruieren sie.

Seit längerer Zeit versuche ich das Leben, das was mir „passiert“ anzunehmen, mit dem Leben zu fliessen. Dinge anzunehmen, so wie sie kommen, egal ob positiv oder negativ (was auch wiederum nur konstruierte Attribute sind). Es tut mir gut so zu leben, denn es nimmt mir die Angst vor der Angst. Alles was geschieht, ob ich im Lotto gewinne, ein Bein verliere, keine Partnerin finde oder eine Wohnung habe in der mich sehr wohl fühle, alles das hat einen Sinn. Auch wenn ich das manchmal nicht sofort begreifen kann. Ich vertraue darauf. Bin mir sicher.

Deswegen finde ich es schade, wenn ich Menschen sehe, die sich von ihren Ängsten leiten lassen. Ich kann es akzeptieren, aber nicht ändern. Muss ich auch nicht, ist nicht meine Aufgabe, klar.

Ein Beispiel: viele meiner Kollegen wissen mit ihrer Zeit, die ihnen nun geschenkt ist, nichts anzufangen. Was soll ich denn den ganzen Tag tun? Was mache ich mit den Kindern? Wie soll ich die denn beschäftigen? „Nach einer Woche zuhause bekomme ich bestimmt einen Kollaps, dann gehen mir alle auf die Nerven!“ Irgendwie machen mich solche Aussagen traurig.

Ich hätte gerne viel Zeit für mich und meine Töchter. Wüsste tausend Dinge zu tun. Könnte viel mit ihnen reden, von ihnen lernen, sie tiefer kennenlernen. Wie kann man das denn nicht wollen? Oder nicht sehen?

Es ist bereichernd mit Menschen zusammen zu kommen. Dass dieser Satz einmal von mir niedergeschrieben wird hätte ich vor ein paar Jahren noch für unmöglich gehalten. Jens, der Einsiedler, hat seine Hütte vor 10 Jahren vorsichtig verlassen. Er musste, er hatte die Aufgabe, es wurde ihm gesagt. Und es war das Beste was ihm je passiert ist. Menschen haben mein Leben bereichert. Nein, nicht die Menschen an sich, sondern der Wille sich auf Menschen einzulassen, auf sie zuzugehen, mit ihnen zu reden, sie zu akzeptieren.

„Schuld“ an allem ist Japanische Haus. Was ich hier bisher erleben durfte war jenseits meiner Vorstellungskraft. Was ich hier gelernt habe: jeder einzelne ist interessant. Jeder einzelne ist es wert, dass man ihm seine Aufmerksamkeit schenkt. Auch wenn ich mir als Einsiedler bei dem einen oder anderen schwer tue. Aber in vielen Gesprächen, vor allem mit Iku, Yuki, Haruna und Tino habe ich begriffen, dass JEDER eine Chance verdient. Völlig neu für den Einsiedler mit all seinen Vorurteilen.

Ich bin stolz ein Teil dieser Gruppe sein zu dürfen. Und ich bin es gerne. Und ich vermisse euch.

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State of things:

I’ll be home next week. Short-time work. Completely ok for me, have enough to do. Financially it will be tight in the near future, but I have seen worse times. I’m not scared.

For the last time today, I was sitting with my colleagues for a long time.
Main topics: Corona and the fear of what to do next.

Frankly, I can understand, accept, but not empathize with this fear. Fears are ghosts, not really, not true. We construct them.

For a long time I have been trying to flow with life, with what is „happening“ to me. Accepting things as they come, whether positive or negative (which are also constructed attributes). It is good for me to live this way because it takes away the fear of fear. Everything that happens, whether I win the lottery, lose a leg, find no partner or have an apartment where I feel very comfortable, all that makes sense. Even if I can sometimes not immediately grasp it. I trust. I’m sure.

That’s why I think it’s a shame when I see people who are guided by their fears. I can accept it, but I can’t change it. I don’t have to, it’s not my job, ok.

For example: many of my colleagues do not know what to do with the time they have now been given. What should I do all day? What do I do with the kids? How am I supposed to keep them busy? „After a week at home, I will definitely collapse, and everyone will get on my nerves!“ Somehow, such statements make me sad.
I would like to have a lot of time for myself and my daughters. Know a thousand things to do. Could talk to them a lot, learn from them, get to know them better. How can you not want that? Or don’t see that?

It is enriching to meet people. A few years ago I would have thought it impossible for me to write this sentence down. Jens, the hermit, carefully left his hut 10 years ago. He had to, he had the job, he was told. And it was the best thing that ever happened to me. People have enriched my life. No, not the people themselves, but the will to get involved with people, to approach them, to talk to them, to accept them.

Japanese house is „to blame“ for everything. What I’ve been able to experience here so far was beyond my imagination. What I learned here: everyone is interesting. Each one is worth paying attention to. As a hermit I have a hard time with one or the other. But in many conversations, especially with Iku, Yuki, Haruna and Tino, I realized that EVERYONE deserves a chance. Completely new for the hermit with all his prejudices.


I am proud to be part of this group. And I like to be. And I miss you.