Freiräume? Postwachstum?

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1. Aufgabe der Stadt im Postwachstum: Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt

Nach der Ära einer wachstumsorientierten Ökonomie und Schwerindustrie stehen sich die entwickelten Länder seit langer Zeit keinem oder einem geringen Wachstum gegenüber. Die Städte wurden in den Wachstumsphasen durch den Markt und den lenkenden Staat stark geprägt. Die Zeit des „Postwachstums“ braucht neue Ideen zur Stadtentwicklung in den Bereichen: Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt.

Gesellschaftlicher Wandel zwischen Staat und Markt

In der Zeit des Postwachstums werden die öffentlichen Dienste der Kommunen und Länder deutlich vermindert. Die Budgets der staatlichen sozialen Wohlfahrt, die auf dem Wirtschaftswachstum basierten, werden in Zukunft nur noch eingeschränkt zur Verfügung stehen. Der Versuch durch die Privatisierung verschiedener öffentlicher Dienste z.B. in der Bildung, im Sozialwesen, im Gesundheitsbereich, im öffentlichen Verkehr, im sozialen Wohnungsbau usw. entschärfte kurzfristig die finanzielle Situation öffentlicher Haushalte, doch gleichzeitig verlor man in jenen Bereichen Steuerungsinstrumente, um soziale Gleichheit zu gewährleisten. Neben den Steuerungsinstrumenten von oben gibt es einen alternativen Weg von unten, bei welchem die Bürgergesellschaft bisher öffentliche Aufgaben übernimmt und realisiert. Diese „neue Öffentlichkeit“ der Bürgergesellschaft ersetzt und ergänzt gesellschaftliche Funktionen jenseits von Markt und Staat.

Schlagwörter: Neue Öffentlichkeit, Urban Commons, Bottom up

Wirtschaft

Die Globalisierung und der damit einhergehende globale Wettbewerb bringt eine Vielzahl prekär Beschäftigter hervor. Das Problem des „Prekariats“ liegt aber nicht nur in der produzierenden Industrie, sondern auch in der geistigen oder sogenannten Kreativindustrie unserer Zeit. Andererseits entwickelt sich die kreative Industrie wie z.B. Werbung, Design, Kunst, Film, Game, IT Industrie weiter und differenziert sich weiter aus. Eine zukunftsträchtige Funktion dieses Wirtschaftszweiges ist die Verflechtung der neuen Industrie mit lokalem Gewerbe wie z.B. Bauernhöfe oder Werkstätten. Mit diesen Kooperationen ist es mögliche neue regionale Wirtschaftskreisläufe zu kreieren, welche interessanterweise für globale Player schwierig zu besetzen sind.

Schlagwörter: Civil Economy, Lokale Wirtschaft, Creative Industrie, Share Economy

Umwelt

In Hinblick auf umwelt- und ressourcenschonende Entwicklung sollte verstärkt auf dezentrale Versorgungssysteme und lokale Produktion, z.B. von Energie und Lebensmitteln geachtet werden. Die Stadt kann nicht länger nur der Raum zum Konsumieren, sondern muss auch Ort der Produktion sein. Die Menschen müssen sich an Ihrer Versorgung beteiligen, um zu Energieeffizienz und Umweltverträglichkeit beizutragen. Dabei ist der nachhaltige Kreislauf der Ressourcen in der Stadt und deren Umland ein Hauptthema.

Schlagwörter: Selbstversorgung, Energieeffizienz

Diesen neuen Herausforderungen in den drei Bereichen kann nicht außschließlich durch die bisherige Stadtentwicklung durch Staat und Markt begegnet werden. In der Stadt des Postwachstums üben die „Bottom-up“ Bürgeraktionen in der Gesellschafts-, Wirtschafts- und Umweltebene einen wichtigen Einfluss auf nachhaltige Stadtentwicklung aus.

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2. „Freiräume“ : Urbane Räume in der Stadt des Postwachstums

In der Stadt des Postwachstums existieren verschiedene „Freiräume“ wie z.B. leerstehende Gebäude und Brachflächen. Solche „Freiräume“ ermöglichen selbstorganisierten Bürgerinitiativen eine Chance auf Entstehen und Mitwirkung. Rahmenbedingungen für gelebte„Freiräume“ sind:

Bezahlbarkeit, bzw. kostenlose Nutzung

- Markt versagt, keine wirtschaftliche Nachfrage nach den Räumen

- Gebrauchswert ist dominanter als Tauschwert

Flexibilität

- Die Räume können für das Leben und Aktionen angepasst werden.

Urbanität

- Die Räume sind in ubane Räume eingebettet.

Kollektivität

- Die Räume können gemeinsam bespielt und genutzt werden

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3. Fragen und Streitpunkte der Freiräume

Unterschied zwischen „Leer“ und „Frei“

Leerstehende Gebäude und Brachflächen sind nicht immer Freiräume. Es ist wichtig, ob die Räume für die Bürger geöffnet und verfügbar sind.

Öffentliche Räume (Public Space) und Freiräume

Öffentliche Räume werden grundlegend durch Regierung/Verwaltung geplant, geschaffen und verwaltet. Die Räume können eine Grundlage der Freiräume werden, wenn die Bürger die öffentliche Räume benutzen, umnutzen und verwalten.

Freiräume als „Urban Commons“

Freiräume werden kollektiv produziert und verwaltet. In dieser Hinsicht sind die Freiräume ein konkretes Beispiel für Urban Commons. Die Herstellung der Freiräume ist eine Art der Praxis von Commoning (P.Linebaugh / D. Harvey).

Für wen ist der Raum frei? – Frage nach Offenheit und Zugänglichkeit

Es gibt viele verschiedene Abstufungen von Offenheit in Bezug auf Freiräume. Zugänglichkeiten sind für jeden einzelnen Freiraum unterschiedlich. In diesem Sinne sind Freiräume nicht immer frei für alle (⇔ öffentliche Räume). Die Frage über Authentizität (S.Zukin); Wer hat das Recht auf Freiräume? Aus welchem Grund? existiert immer.

Freiräume mit befristeter / unbefristeter Zeit

Einige Freiräume existieren nur für eine begrenzte Zeit (Zwischennutzung). Solange der Immobilienwert reduziert oder niedrig bleibt, kann man die Räume relativ einfach als Freiräume verwenden, auf Gund von Marktentwicklung oder Immobilienspekulation verschwinden diese Freiräume oft ganz schnell. Gentrifizierung versus Freiräume ist eine der umstrittensten Fragen unserer Zeit.

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